Offener Brief von Aida Orient Books

Offener Brief

Jüngste Erfahrungen bei der Präsentation unseres Büchertisches –
Zensur verbunden mit der Entfernung eines Buches in deutscher Sprache

Vom 13. bis 15. September 2019 veranstaltete die Medizinische Flüchtlingshilfe
Bochum die „Konferenz zum Iran – 40 Jahre Revolution, 40 Jahre islamische
Diktatur, 40 Jahre Auflehnung und Widerstand“. Einige Wochen vor der
Konferenz wurde ich von Herrn Hanif Heidarnejad und Frau Bianca Schmolze,
beide Mitglieder des genannten Vereins und Mitorganisatoren der Konferenz,
eingeladen, für die Dauer der Veranstaltung einen Büchertisch zu präsentieren.
Am Freitag, dem 13. September fuhr ich mit einer Auswahl an Büchern in
persischer und deutscher Sprache zum Veranstaltungsort, dem Bahnhof
Langendreer.
Ich war gerade dabei, das Buch von Jürgen Todenhöfer „Die große Heuchelei –
wie Politik und Medien unsere Werte verraten“ auf dem Büchertisch zu
platzieren (ein kürzlich erschienenes Buch, das auf der Spiegel-Bestsellerliste
steht). In diesem Moment kam Knut Rauchfuss, einer der Verantwortlichen des
veranstaltenden Vereins, auf mich zu und sagte, der Autor dieses Buches sein
ein Unterstützer von Baschar Assad. Ich erwiderte, dass sei seine Ansicht, der
Leser werde sich seine Meinung selbst bilden. Nach einigen Minuten näherte
sich Herr Rauchfuss erneut und forderte mich in gebieterischem Ton auf, das
erwähnte Buch vom Tisch zu nehmen. Zunächst dachte ich, ich hätte mich
verhört und fragte nach. Daraufhin wiederholte er in noch aggressiverem
Tonfall, ich solle das Buch wegnehmen. Ich fragte nach dem Grund, aber er
bestand darauf, ich solle tun, was er sage und das Buch wegnehmen. Ich fühlte
mich für einen Moment in den Iran zurückversetzt, diese Vorgehensweise
erinnerte mich an das Verhalten iranischer Hizbollahis, die meine Zeitschriften
und Bücher konfisziert hatten. Ich war schockiert und überrascht darüber, dass
sich in Deutschland jemand das Recht nimmt, für andere zu entscheiden, was
sie zu lesen haben und was nicht, zudem ein Akademiker, der Gründer und
aktives Mitglied eines Menschenrechtsvereins ist, der für Meinungsfreiheit
eintritt. Ich erwiderte, wenn es so sein sollte, dass ein anderer bestimme,
welche Bücher präsentiert werden dürften und welche nicht, so würde ich auf
den Büchertisch verzichten. In diesem Moment griff Herr Heidarnejad ein, der
mich zur Präsentation von Büchern eingeladen hatte, und bat mich, einen
Moment zu warten, damit er mit den anderen über die Angelegenheit sprechen
könne. Während ich auf das Ergebnis dieses Gespräches wartete, kam Herr
Rauchfuss wiederum zu mir, nahm ohne meine Erlaubnis die Exemplare des
fraglichen Buches vom Tisch und warf sie in einen Karton. Ich war zunächst
sprachlos und sagte dann zu Herrn Rauchfuss, mit diesem Verhalten setze er
sich über die Rechte anderer hinweg.
Ich beschloss, den Büchertisch abzubauen, zumal ich sah, dass viele
Veranstaltungshelfer, gleich ob Deutsche oder Iraner, durch ihr Schweigen das
Vorgehen von Herrn Rauchfuss bestätigten. Ich sagte mir, es könne wohl nicht
das Hauptanliegen dieser Menschen sein, für Freiheit und Menschenrechte
einzutreten, sonst hätten sie angesichts dieses undemokratischen und
diktatorischen Verhaltens nicht geschwiegen.
Allerdings gab es einige Zeugen, die in Abwesenheit von Herrn Rauchfuss ihrBedauern ausdrückten und mir Recht gaben. Ich war entschlossen, den
Büchertisch abzubauen, aber auf dringlichen Wunsch einiger der
Teilnehmenden, denen ein Büchertisch bei einer solchen Veranstaltung wichtiwar, habe ich mich entschieden zu bleiben und den undemokratischen Umganmit mir hinzunehmen.
Nach 35 Jahren Exil in Deutschland und der Präsentation unzähliger
Büchertische auf verschiedenen iranischen und deutschen Veranstaltungen isdies das erste Mal, dass ich solch eine bittere Erfahrung machen musste. Die
Entfernung des Buches ist gleichbedeutend mit Zensur. Der Inhalt des Buchesist unerheblich, wenn es um Meinungsfreiheit geht. Die Tatsache, dass diesesaktuelle Buch auf der Spiegel-Bestsellerliste steht, reicht als Kriterium aus, umes für eine Präsentation in Betracht zu ziehen.
Die Gleichgültigkeit der Zeugen, besonders der Veranstaltenden, die Freiheit
und Verteidigung der Menschenrechte propagieren, ist unbegreiflich.
Azam Javadi
19.09.2019
Aida orient books
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